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Die stummen Wellensittiche

Wenn ich mal 50 bin, bin ich durch mit Vögeln. Da meine ich durchaus im Doppelsinn. Ich bin jetzt 44, da ist alles möglich. Kaufte für die WG „gebrauchte“ Vögel aus dem Kleinanzeigen Teil. An die Tür kam das Blechschild „Hier wache ich“ und darüber das Bild unserer neuen Wellensittiche! Zwei ganz liebe. Doof, kann man nicht kuscheln, fanden die Mitbewohner, einer meinte schroff „Hühnersuppe“. Tag 2 fiel auf, dass die Wellensittiche sehr ruhig waren. Sehr still auch. Fast wie ausgestopft quasi. Tag 3-21 keine Veränderung. Nach 3 Wochen nur Körner fressen und Wässerchen trinken und Stange sitzen ohne einen Piep wurde ich leicht depressiv. Nicht etwa, weil ich (!) die Stange nicht mochte, nein, ich konnte mir die Sittiche nicht mehr antun. Die Vögel anzuschauen machte mich fertig. Während ich vor der riesigen Voliere saß und auf Gezwitscher wartete, ging mir alles Mögliche durch den Kopf. Alles Mögliche bedeute irgendwas zwischen „Ohrensessel im Seniorenheim und Lauschen auf das Ticken der Standuhr“ und depressive Gedanken über den biologischen Fußabdruck von Fukushima. Ich roch quasi das Verwesen der Zeit und das Verwittern des Lebens im Großen und Ganzen. Ich hörte die Staubflocken auf dem Sofa ausatmen. Die Vögel jedoch schwiegen. Auch ich wurde schweigsamer. Und dachte über die Hühnersuppe nach. Das war eklig. Meine Eltern kamen zu Besuch und verhöhnten den Vogelkauf mit den Worten „Wart`s nur ab, irgendwann wenn die ihr Lampenfieber überwunden haben kreischen die so laut, dass Ihr Euch nicht mehr unterhalten könnt!“. Die Wellensittiche blicken nur träge auf. Meine Kinder verdrehten die Augen. Die Gesprächspause war lang. Ich sagte meinen Eltern nicht, dass ich die Vögel nicht erst seit diesem Vormittag hatte, sondern schon 3 Wochen…. Lampenfieber, pffft! Mitbewohnerin holte ihre Flöte und startete Musiktherapie vor dem Käfig. Täglich eine halbe Stunde. Ich wurde darüber fast wahnsinnig. Wir machten die Käfigtür auf und boten ihnen einen Freiflug an, dabei warteten wir in gespannter Hockhaltung auf Bodenhöhe und übten Zwerchfellatmung. Die Vögel saßen starr auf einer Stange und sorgten sich vermutlich um ihre Zukunft bei derart seltsamen Übungen ihrer neuen Versorger. Wir schlossen die Käfigtür also wieder. Ich fing an, mich vor einem Besuch des Tierschutzvereins zu fürchten. Paranoia überkam mich. Ich brauchte Hilfe. Ich verwarf die Hühnersuppe erneut. (Mord ist nie eine gute Lösung, irgendwann kommt`s raus siehe Tierschutzverein!). Ich fuhr zum Tierhandel. Kleines Studium der Ornitologie. Ich beobachtete den Käfig dort 25 Minuten lang mit ernster Miene. Man will an so einem Punkt keine Fehler mehr machen, da geht man eiskalt und entschlossen auf Nummer sicher. Ich kaufte die zwei wildesten Wellensittiche aus dem Schwarm. Jetzt haben wir 4 Wellensittiche. Musik und Fernsehen nicht zu denken!! Wir wohnen mit Wolldecken auf dem Balkon und meine Nachbarn reden nicht mehr mit mir. Im Großraum mit 12 Leuten finde ich es jetzt geradezu beschaulich, ich gehe richtig gerne in die Arbeit und fahre lange Umwege heim, am liebsten mit dem Roller statt mit dem Auto. Wenn ich 50 bin, bin ich durch mit Vögeln.

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6 Kommentare

  1. 😀

  2. Sabine

    Hahahahaha 😀 super ge- und beschrieben … wie immer 😉 wußte ich garnicht, dass es diese „Vorgeschichte“ zu dem Vogelgeschrei in Deiner Behausung gibt 😀 😀 😛

    • Ja, es gibt Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken, die muss man selbst erlebt haben. 🙂

      • einfach herrlich be-schrieben … ich bin Ü50 und demnach durch damit … na ja-, habe auch keine Vögel (mehr) … 🙂

      • Glückwunsch! Damit ist endlich Raum für Stille und Du hörst Deine Gedanken und Du fasst sie Verse… Mir hingegen flattern die Wörter häufig noch im Kopf herum und lassen sich nur selten so wunderbar sinnieren, sortieren, sondieren, stimmen und – setzen!

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